Eigentlich wollte ich nun ganz entspannt auf meinem Sofa liegen, da sehe ich ein Video, dass mich doch sehr nachdenklich macht.
Eine Betroffene die über Psychotherapeuten spricht und mir stellen sich die Nackenhaare auf.

*Man muss kein Mitgefühl mit Psychotherapeuten haben. Sie haben sich ihren Job ausgesucht und müssen mir helfen. Wenn sie keinen Bock dazu haben sollen sie sich einen anderen Job suchen!*

Hoppla …
Das stimmt mich nachdenklich und ich habe nun eine Weile darüber nachgedacht und kann dem so null zustimmen.
Sicher haben sie sich ihren Job ausgesucht und sicher ist ihre Aufgabe dem Patienten zu helfen, so wie eben jeder diese Aufgabe hat, der im Gesundheitswesen arbeitet.
Aber, nicht der Therapeut leistet die Hauptarbeit, sondern der Patient. Der Therapeut kann nur anleiten und dem Patienten Hilfsmittel an die Hand geben, Wege aufzeigen, zusammen mit dem Patienten abwägen. Alles andere muss der Patient machen und wollen, ansonsten kann es nicht gelingen.

Wieso soll man mit einem Psychotherapeuten kein Mitgefühl haben?

Ganz ehrlich, als ich aus meiner letzten Stunde raus bin, hab ich darüber nachgedacht, wie hart der Job eines Therapeuten sein kann …

Kurz nach Beginn unserer Stunde sind wir komplett abgeschmiert und meine Therapeutin hat bis zum Ende der Stunde versucht uns zu stabilisieren, mit uns zusammen geschaut was los war, wieso es so schlimm war und diesen Zustand zu unterbrechen. Kurz bevor unsere Stunde vorbei war klingelte schon die nächste Patientin, die dann sofort in die Stunde ging, als wir die Praxis verlassen haben. Sich dann sofort neu einzustellen, stell ich mir auch nicht einfach vor. Uns wieder auf die Beine zu stellen war einfach auch mega anstrengend und dann sofort voll auf den neuen Patienten einzustellen, sicher nicht immer einfach.

Ebenfalls gibt es ganz sicher oft Momente, wo ein Therapeut dann da sitzt und selbst auch schlucken muss. Wenn er die Geschichten der Betroffenen hört, hört was ihnen alles angetan wurde, was sie alles überlebt haben, was sie vielleicht auch selbst getan haben oder tun mussten … Immer wieder Patienten zu haben die an Suizid denken, immer wieder abwägen zu müssen, ob es nun so akut ist, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als den Patienten umgehend in eine psychiatrische Klinik einzuweisen … und tausend andere Situationen mehr …

Ja, da habe ich Mitgefühl und denke mir oft, was für starke Menschen das sein müssen, wie gut reflektiert sie sein müssen, um Geschichten von Patienten, nicht ins Privatleben mit zu nehmen, wie gut die Psychohygiene sein muss, etc. 
Es ist ja nicht nur, dass der Therapeut da sitzt und sich einfach die Geschichten anhört, sondern er muss so vieles auch aushalten können …

Und ich finde, es ist überhaupt nichts schlimmes daran, Mitgefühl mit einem Therapeuten zu haben.
Wichtig ist eben nur, dass man nicht anfängt den Therapeuten deshalb zu schützen, nichts von seinen Problemen erzählt, nichts von seiner Geschichte erzählen kann, weil man Angst hat zur Belastung zu werden.
Da ist eben ganz wichtig es anzusprechen, zu besprechen, dass diese Ängste da sind, sich da auch gut Rückzuversichern, dass der Therapeut da seine Möglichkeiten hat.

Auch Therapeuten sind einfach nur Menschen. Menschen die anderen Menschen helfen können, aufgrund ihrer Ausbildung und ihres Wissens. Menschen die anderen Menschen helfen möchten. Und natürlich ist es auch hier so, dass nicht jeder Patient zu jedem Therapeuten passt. 
Dennoch, nur weil es nicht passt, muss der Therapeut nicht schlecht sein. Manchmal ist es einfach wichtig, dass der Therapeut genau in diesem Bereich sehr gut Fortgebildet ist, um eine optimale Versorgung leisten zu können.
Es muss Zwischenmenschlich gut passen, man muss eine gute Ebene finden können, da eben gerade in der Therapie so viel schlimmes ausgesprochen und bearbeitet wird, dass es ganz wichtig ist, dass man eine gute Vertrauensbasis aufbauen kann.

Kann man dies nicht, kann, darf, ja muss der Therapeut die Behandlung beenden, es nützt ja nichts. Kein Therapeut muss einen Patienten behandeln der nicht kann, will oder wenn es nicht passt. Das hat nichts mit kein Bock und Job verfehlt zu tun, sondern hat einfach viele Ursachen und Gründe.

Eine Psychotherapie ist eine Zusammenarbeit, die Therapeutin hat das wissen und der Patient die Möglichkeiten den Weg zu gehen und das Wissen für sich zu nutzen. Die Therapeutin kann helfen und begleiten, aber gehen muss der Patient seinen Weg selbst.