TRIGGER org. MB

Da ist sie wieder, die Nachricht, die mir die Luft abschnürt.

Wieder wurde ein Fall von organisierter sexueller Gewalt aufgedeckt und wieder stehe ich hier und in meinen Ohren rauscht es.
Ich kann die weiteren Informationen dazu gar nicht richtig wahrnehmen, sondern warte darauf, dass gesagt wird, wo diese Verbrechen begangen worden sind.

Ich spüre mein Herz am Hals schlagen, das Blut rauscht mir in den Ohren, mein Blick vernebelt sich und ich habe das Gefühl, gleich in Ohnmacht zu fallen.
Weiter lauschend, setze ich mich einfach auf den Boden, wo Valentino und Conner sich sofort zu mir legen und sich kraulen lassen, mir die Nasenspitze küssen und Conner wieder mit akrobatischen Übungen versucht mir das Ohr auszuschlecken.
Sofort schießen mir Bilder in den Kopf, vom Blitz einer Kamera, ich höre das Geräusch der Polaroid und lachende Menschen … so gut ich kann, wehre ich mich dagegen und strecke meine Finger noch tiefer ins weiche Fell der Hunde.
Der Bericht ist vorbei, es ist weit weg, nicht hier bei mir, nicht meine Täter, nicht meine Zeit …

Eine Weile sitze ich noch hier, kuschele mich nah an die Hunde und lausche der Musik, die nun im Radio läuft. Irgendwann geht es wieder und ich koche mir erst einmal einen Kaffee. Während ich der Maschine lausche, wie sie die heiße Flüssigkeit in die Tasse tröpfelt, denke ich an die betroffenen Kinder. Ich kann die Angst nachfühlen, die Aussichtslosigkeit, spüre die Schmerzen, die Verletzungen an der Seele, doch weiß ich nicht, wie es ist, wenn man „gerettet“ wird. Macht es das besser? Besteht die Möglichkeit, dass sie irgendwann „gut“ damit leben können? Bekommen sie Hilfe? Ist da nun jemand, der zuhört und vor allem mit-aushält? Jemand, der nicht enttäuscht, der verlässlich ist, der die nötige Nähe und Distanz halten kann? Jemand, der weiß, was er da tut? Jemand, dem man vertrauen kann? Sind die Kinder nun in Sicherheit? Wird die Justiz sie schützen? Wird man den Kindern zuhören?

Neben mir wufft es und Valentino springt wie ein Flummi im Flur herum, „ja, ist ja schon gut“ nuschele ich, lächele und streichele ihm über den Kopf, während ich die Tasse lauwarmen Kaffee aus der Maschine nehme und mich auf den Weg zum Sofa mache, die Hunde natürlich im Schlepptau.

Während ich an meinem Kaffee nippe, lese ich Online einen Beitrag über den Fall, die neusten Erkenntnisse und bin immer wieder von neuem verblüfft darüber, wie viele Menschen damit umgehen. Es geht um den Täter, den Täter und den Täter, vielleicht auch noch um die Einzelheiten der Taten des Täters, aber seltenst um die betroffenen Kinder. Viele Meinungen, wenig Fakten. Alle wissen alles besser, aufrufe zur Gewalt und viele Wutausbrüche lese ich, aber wenig Mitgefühl für die Kinder. Mich macht das wütend. Es ist wieder so eine Eintagsfliege, denn die wenigsten werden sich wirklich mal ernsthaft damit auseinandersetzen, werden den Betroffenen zuhören, werden lernen aufmerksam zu sein und verdächtige Beobachtungen zu melden.

Die wenigsten wollen mit-aushalten, die Erzählungen zu grausam, die Betroffenen zu gruselig – Aber die Betroffenen mussten die Erzählungen selbst erleben, es sind nicht nur Worte, sondern dahinter sind echte Taten. Sie müssen irgendwie damit weiter leben. Betroffene brauchen Menschen die ihnen glauben, die mit-aushalten, die nicht abwerten, die nicht wütend auf den Täter schreien, denn das macht in vielen Fällen eher Angst oder belastet noch mehr, denn schließlich will man keinen anderen Menschen damit schädigen oder belasten.

Unsere Aufmerksamkeit sollte auf die Kinder gerichtet sein, darauf sie zu schützen und nicht auf die Täter. Die sind und bleiben Täter, müssen bestraft und behandelt werden. So eine Tat kann niemals wieder gut gemacht werden, sie kann niemals wieder weggewischt werden, Betroffene können nur, mit entsprechender Hilfe, lernen damit umzugehen und sie nicht ihr Leben bestimmen zu lassen. Dazu gehört neben professioneller Hilfe, auch Menschen die zugewandt sind, die sich einlassen, verlässlich sind und den Weg mitgehen.