Verstädnis und RücksichtnahmeWas ein Hundehalter schnell lernt, ist, dass sein Hund, niemals alleine sein Hund sein wird. Unsere Umwelt findet den süßen kleinen Welpen oder putzigen gelben Labrador, der aussieht wie aus dem Film „Marley und ich“, so hinreißend, dass natürlich sofort gekuschelt werden muss. Was für den Hundehalter in diesen Situationen „nervig“ wird, wird für den Assistenznehmer schnell gefährlich.

Ein Assistenzhund lernt in seiner Ausbildung unter anderem, dass er andere Menschen ignorieren soll, sobald er im Dienst ist. Dies wird meist mit der Kenndecke verknüpft, sodass klar ist, Kenndecke = Arbeit. In dieser Situation ist der Hund absolut bei Assistenznehmer und arbeitet unter höchster Konzentration. Oftmals wird diese aber durch das Anfassen des Hundes gestört, sodass er nicht ganz bei der Sache sein kann. Da hört man dann oft:

Geh´doch mal den lieben Hund streicheln!

Ohh, ist der aber süß! Bist du aber ein süßer! Ja so ein feiner!

Ja gell, du riechst meinen! Ja aber klar riechst du meinen!

… zusammen mit einem freudigen Tätscheln des Kopfes oder gar in Arm nehmen des Hundes. In den Köpfen der Menschen ist der Zusammenhang geschaffen, ein Assistenzhund MUSS lieb sein! Ja, das ist er auch, aber eben auch ein Tier, dass gerade in einer Arbeitssituation ist. Dabei macht man es nicht nur dem Assistenznehmer schwerer, der dann dazwischen gehen und um Abstand bitten muss, sondern auch dem Hund, der eigentlich gerne gestreichelt werden möchte, aber nun arbeiten soll. Ja, denn sicher will jeder Hund gerne gestreichelt werden, angesprochen werden oder gar mit dem Kind zusammen toben, doch dass ist im Supermarkt einfach nicht möglich.

Durch solche Zwischenfälle, in denen die Assistenznehmer gerade zu beginn der Ausbildung den Mut kaum aufbringen können, sich zu wehren, bringt man dem Hund so bei, dass er auch mit Kenndecke spielen darf. Sicher ist es in der Verantwortung eines Assistenznehmers da einzugreifen und mithin auch den Hund aus der Situation zu nehmen, doch leider ist das manchmal kaum bis nicht möglich.

Sicherheit geben in der Öffentlichkeit
Sicherheit geben in der Öffentlichkeit

Ich war schon in der Situation, beim Beladen des Einkaufswagens, Valentino blockte hinter mir. Die Geldbörse in der Hand, während die Kassiererin in einem rasenden Tempo die Wahren über das Band zog und die Leute hinter uns schon sichtlich nervös von einem Fuß auf den anderen traten, hörte ich hinter mir eine Frau sagen: „Oh schau mal Luisa, ein Hund! Geh´doch mal den lieben Hund streicheln!“. Das ist eine Situation, in der ich absolut in Stress gerate, nicht weil ich Valentino nicht vertraue und denke er würde nun losrasen, nein, weil das Kind auf ihn zu rannte und sich an seinen Hals hängte, während er beschwichtigend den Kopf zur Seite nahm und mich anschaute. Ja, genau dass ist eine Situation, die sich keiner wünscht. Ich habe dann nebenbei meine Wahren in den Wagen geladen, in meiner Geldbörse gekramt, sodass ich schnell fertig bin und gleichzeitig das Kind mit Blick über die Schulter gebeten sich nicht an den Hund zu hängen, weil dieser gerade arbeiten würde. Das ist weder für den Hund angenehm noch für den Assistenznehmer und gerade Hunde, die in diesen Situationen noch nicht sicher sind, kommen dann ganz schnell auf die Idee aufzuspringen und mit dem Kind zu spielen. Da bedeutet ein Hund der an der Leine springt und hüpft, u. U. noch etwas herunter reißt oder jemanden anrempelt, der dadurch evtl. sogar noch stürzt. Wer ist dann Schuld? – Der Hund, der Assistenznehmer oder der Trainer, aber nicht der Mensch, der hier schlicht eine Grenze überschritten hat.

Man nennt das persönlicher Raum, also die für einen selbst wichtige Distanz zu anderen Menschen. Diese kann größer oder kleiner sein, dennoch kennt sie jeder. In überfüllten Verkehrsmitteln, in der Schlange an der Supermarktkasse oder am Bankautomat, wenn der Hintermann/Frau so nahe aufrückt, dass man seinen Atem schon im Genick spüren kann. In dieser Situation fühlen sich die meisten Menschen unwohl, die einen Bitten um Abstand, die anderen ertragen die Situation und beeilen sich schlicht nur, um sie schnell zu beenden. Wenn ein Assistenzhund in ein Kommando gebracht wird, z. B. „Blocken hinten“, dann sitzt dieser so lange dort, bis er ein anderes Kommando bekommt, er würde dieses nie selbst auflösen. Liegt der Hund im Supermarkt vor einem Regal und der Assistenznehmer ist zwei Meter weiter vorn, um sich aus dem engen Gang seine Wahren zu holen, bleibt der Hund dort liegen, auch wenn drei Kinder auf ihm herumturnen, obwohl die Situation für ihn nicht angenehm ist. Die Situation kann wieder nur der Assistenznehmer auflösen, der aber vielleicht ein paar Minuten braucht, bis er wieder zurückkommt.

Nach hinten blocken
Nach hinten blocken

Die Ausbildung eines solchen Assistenzhundes ist nicht nur interessant, sondern auch anstrengend und teuer. Ein Assistenzhund kostet in der Regel zwischen 10.000 und 25.000 Euro und durchläuft eine Ausbildung von knapp zwei Jahren. Dabei wird neben den Assistenzaufgaben eben auch der Grundgehorsam geschult, sodass sich keiner durch den Hund gestört fühlen muss. Er weiß genau wie er sich im Supermarkt, in der Arztpraxis und im Schuhgeschäft verhalten soll, sodass keiner gestört wird und er seine Arbeit dennoch verrichten kann. Wenn ein Hund dies lernen kann, so bin ich mir sicher, dass ein Mensch auch lernen kann, dass er einen Assistenzhund nicht bei der Arbeit stört. Wenn beide Seiten achtsam miteinander umgehen, sollte doch dem entspannten Einkaufen nichts im Wege stehen.

Deshalb die Bitte. Assistenzhunde sind KEINE Kuscheltiere, sie arbeiten höchst konzentriert und können ihre Arbeit nur ungestört verrichten, wenn sie NICHT gestreichelt oder gerufen werden. Bitte achtet darauf, dass die Assistenzhunde ungestört arbeiten können.

 

(Klick) Zeitungsartikel über Assistenzhunde in der Öffentlichkeit